"Vom Erfolg überrascht" - Nessi im Interview
Daniela Pieth. Die Handballerinnen der TSG Leihgestern sind mit zwei Siegen stark ins neue Jahr in der 3. Liga gestartet. Spielmacherin Nessima Kerdi spricht über körperliche Intensität, den überraschend guten Saisonverlauf und die Perspektiven des Frauenhandballs in Mittelhessen.
Nessima Kerdi, das Spiel am Samstagabend gegen TB Wülfrath (32:27) war extrem intensiv. Wie haben Sie es auf dem Feld erlebt?
Aus Spielersicht nimmt man vieles natürlich emotionaler wahr, aber es war von beiden Seiten ein sehr intensives Spiel. Es wurde sich nichts geschenkt, beide Teams haben stark gekämpft. Gerade in der ersten Halbzeit war es lange ausgeglichen, ehe wir uns in den letzten zehn Minuten etwas stabilisieren konnten. In der zweiten Halbzeit hat dann vor allem unsere Chancenverwertung gelitten, deshalb ging es ständig hin und her. Insgesamt war das ein sehr aufgeheiztes Spiel.
Sie selbst haben dabei ordentlich einstecken müssen, wurden in Ringer-Manier auf den Boden befördert.
Ja, das gehört leider dazu (lacht). Der Schlag war schon heftig, ich spüre ihn auch noch ein wenig. Aber an die Körperlichkeit gewöhnt man sich, Handball ist nun mal ein körperlicher Sport.
Ist das auch ein Unterschied zwischen Regionalliga und 3. Liga?
Definitiv. Vor allem das Tempo ist deutlich höher, es wird sehr schneller Handball gespielt. Gleichzeitig ist die Härte größer, weil es um viel geht und extrem viele talentierte Spielerinnen auf dem Feld stehen. Wenn man Tore werfen will, muss man sich diese hart erarbeiten. Und das gilt für jede Mannschaft.
Die TSG steht als Aufsteiger überraschend weit oben. Wie bewerten Sie den bisherigen Saisonverlauf?
Ganz ehrlich: Das war so nicht zu erwarten. Unser erstes Ziel war klar der Klassenerhalt. Wir wollten den Frauenhandball in Mittelhessen unbedingt in der 3. Liga halten. Dass wir jetzt so gut dastehen, gibt uns natürlich Selbstvertrauen und bestätigt unsere Teamleistung.
Was sind die Gründe für diesen Erfolg?
Wir funktionieren als Mannschaft sehr gut. Es gibt bei uns keine Spielerin, die alles alleine entscheidet. Unsere Stärke liegt im Zusammenspiel. Viel kommt aus der Abwehr. Wenn wir dort stabil stehen, bekommen wir Selbstvertrauen und können über Ballgewinne schnell nach vorne spielen. Erste und zweite Welle funktionieren gut, das liegt uns in dieser Liga.
Die Mannschaft ist eher körperlich klein. Wie gleicht sie das aus?
Mit Schnelligkeit, Wendigkeit und gutem Eins-gegen-eins. Natürlich haben wir mit Cintia Riegel und Wiktoria Zakrzewska auch zwei größere Spielerinnen, die aus dem Rückraum viel Druck machen können. Insgesamt sind wir aber flexibel aufgestellt und können uns gut auf verschiedene Gegner einstellen.
Sie sind seit sechs Jahren in Leihgestern und spielen inzwischen im Zentrum. War das schon immer Ihre Position?
Nein, ich bin da reingewachsen. Ich habe früher auf vielen Positionen gespielt, auch im Rückraum oder am Kreis. Seit meiner Zeit in Leihgestern hat mich Trainerin Jonna Jensen Schritt für Schritt auf die Mittelposition gebracht. Ich habe viel Unterstützung vom Trainerteam und von erfahrenen Mitspielerinnen bekommen. Das hat mir enorm geholfen.
Nach dem ersten Aufstieg vor zwei Jahren folgte der direkte Abstieg. Was hat sich seitdem verändert?
Uns hat damals vor allem Erfahrung gefehlt. Wir waren oft zu hektisch und konnten enge Spiele nicht ruhig zu Ende spielen. Diese Erfahrung haben wir uns erarbeitet. Heute bleiben wir mental stabiler und schaffen es, auch schwierige Spiele zu gewinnen.
Wie groß war der Hunger, wieder in die 3. Liga zurückzukehren?
Sehr groß. Auch wenn die Belastung höher ist und die Auswärtsfahrten länger sind – wir spielen gerne in dieser Liga. Die Aufstiegsrunde war hart, körperlich und mental, aber wir sind als Team zusammengeblieben und haben es gemeinsam geschafft.
Wo sehen Sie sich persönlich in den nächsten Jahren?
Im Moment bin ich sehr glücklich in Leihgestern. Ich habe hier viel Unterstützung bekommen, auch nach Verletzungen. Ich sehe bei mir immer noch viel Entwicklungspotenzial und weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber aktuell passt alles sehr gut.
Hat die TSG Leihgestern perspektivisch das Potenzial für die 2. Liga?
Rein sportlich wäre das natürlich schön. Aber dafür braucht es auch die finanziellen Rahmenbedingungen. Wichtig wäre vor allem, jungen Spielerinnen in Mittelhessen eine Perspektive zu bieten, damit sie nicht früh wegziehen müssen. Es wäre toll, wenn der Frauenhandball in der Region wieder weiter aufgebaut werden könnte – mit Leihgestern als Aushängeschild.
Gießener Allgemeine vom 29.01.2026